Stark sein

macht innerlich müde

Manchmal begegnen mir Menschen, bei denen im ersten Moment alles stabil wirkt. Sie lächeln, funktionieren, haben für andere ein offenes Ohr und schaffen es sogar noch, alle um sich herum zu beruhigen. Von außen sieht das stark aus. Fast bewundernswert. Und doch spürt man manchmal unter dieser Fassade eine enorme Müdigkeit.

Genau da liegt oft der eigentliche Schmerz. Immer stark sein zu müssen kann zur Rolle werden, die irgendwann mehr Kraft kostet, als sie gibt. Und dann stellt sich leise die Frage: Wer bin ich eigentlich noch hinter all dem?

Viele Menschen merken erst sehr spät, wie viele Rollen sie täglich spielen. In der Familie bist du vielleicht die Verlässliche. Im Beruf die Belastbare. Im Freundeskreis die, die immer zuhört. Das funktioniert eine Weile. Manchmal sogar viele Jahre.

Doch was passiert, wenn dein Inneres irgendwann nicht mehr mitspielt?

Immer stark sein müssen beginnt oft sehr früh

Stark sein entsteht selten einfach so. Meistens lernen wir schon früh, welche Seite von uns willkommen ist und welche lieber verschwinden soll.

Ein Kind mit viel Feuer, Kraft und Eigenwillen wird vielleicht immer wieder gebremst. Es hört Sätze wie: „Jetzt stell dich nicht so an“, „Sei nicht so laut“, „Reiß dich zusammen“ oder „So geht das nicht.“ Irgendwann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder dieses Kind wird immer wütender und kämpft weiter. Oder es zieht sich zurück und lernt, die eigene Lebendigkeit zu drosseln.

Beides hinterlässt Spuren.

Das eine Kind wirkt später vielleicht aggressiv, unnahbar oder schnell gereizt. Doch dahinter steckt oft kein „schwieriger Mensch“, sondern ein verletzter Anteil, der viel zu lange nicht gesehen wurde. Das andere Kind wirkt später vielleicht angepasst, freundlich und unkompliziert. Es macht keine Probleme, funktioniert und wird genau dafür gelobt.

Und genau hier wird es knifflig. Denn Anerkennung fühlt sich erst einmal gut an. Gleichzeitig kann sie dazu führen, dass du dich immer weiter von dir entfernst.

Rollen geben Sicherheit und kosten Kraft

Jede Rolle erfüllt irgendwann einen Zweck. Sie hilft dir, durchzukommen.

Vielleicht hast du gelernt, dass du geliebt wirst, wenn du fröhlich bist. Dass du keine Last bist, wenn du dich zurücknimmst. Dass du Anerkennung bekommst, wenn du perfekt funktionierst. Oder dass du sicherer bist, wenn du deine echten Gefühle nicht zeigst.

So entsteht Schritt für Schritt eine Maske.

Diese Maske kann sehr überzeugend sein. So überzeugend, dass andere Menschen gar nicht merken, wie es dir wirklich geht. Vielleicht verlassen sie sich sogar darauf, dass du immer stark bist. Immer verfügbar. Immer freundlich. Immer stabil.

Innerlich sieht es oft ganz anders aus.

Typische Hinweise können sein:

  • du bist für andere da, fühlst dich danach aber leer
  • du lächelst, obwohl dir innerlich zum Weinen ist
  • du weißt gar nicht mehr genau, was du selbst brauchst
  • du reagierst plötzlich stärker, als du wolltest
  • du fühlst dich schuldig, sobald du ehrlich bist

Das Problem ist nicht die Rolle an sich. Schwierig wird es, wenn du glaubst, nur in dieser Rolle liebenswert zu sein.

Die Maske schützt dein verletztes Inneres

Hinter dem dauernden Starksein sitzt oft ein jüngerer Anteil, der irgendwann entschieden hat: „So komme ich besser durch.“

Vielleicht war es sicherer, keinen Ärger zu machen. Vielleicht war es besser, lustig zu sein. Vielleicht hast du gespürt, dass deine echten Gefühle keinen Platz hatten. Also hast du gelernt, dich anzupassen.

Das läuft bei Kindern nicht bewusst. Kein Kind setzt sich hin und sagt: „Ich entwickle jetzt ein Muster, damit ich emotional überlebe.“ Es passiert leise. Über Erfahrungen. Über Reaktionen. Über das, was wieder und wieder geschieht.

Im Erwachsenenleben begegnen uns diese alten Strategien dann wieder. Nur passen sie oft nicht mehr.

Du bist heute nicht mehr das Kind, das auf die Anerkennung der Eltern angewiesen ist. Und trotzdem kann sich dein Inneres genauso anfühlen, sobald Kritik, Ablehnung oder Konflikt im Raum stehen. Dann übernimmt nicht dein erwachsenes Ich, sondern der alte Schutzmechanismus.

Genau deshalb reicht es oft nicht, sich einfach vorzunehmen: „Ab morgen bin ich authentisch.“ Der Anteil in dir, der Angst hat, braucht erst einmal Sicherheit.

Alte Muster erkennen und wieder du selbst werden

Der Weg zurück zu dir beginnt nicht mit einem großen Befreiungsschlag. Oft beginnt er viel leiser.

Du kannst anfangen, ehrlich hinzuspüren:

  • Welche Rolle spiele ich am häufigsten?
  • Was bekomme ich durch diese Rolle?
  • Wovor schützt sie mich?
  • Welcher Anteil in mir hat Angst, wenn ich mich echter zeige?

Manchmal hilft es, dir innerlich dieses jüngere Ich vorzustellen. Das Kind, das damals nicht gesehen wurde. Das Kind, das sein Feuer verstecken musste. Oder das Kind, das gelernt hat, still und pflegeleicht zu sein.

Du musst ihm keine großen Erklärungen liefern. Oft reicht ein innerer Satz wie: „Ich sehe dich. Ich bin jetzt da. Du musst das nicht mehr alleine halten.“

Das klingt schlicht. Aber genau darin liegt viel Kraft.

Denn sobald dieser innere Anteil spürt, dass du heute erwachsen bist, entsteht mehr Raum. Du musst nicht mehr automatisch reagieren. Du kannst anders wählen. Ehrlicher. Klarer. Mehr aus deiner eigenen Mitte heraus.

Stark sein kann eine wunderbare Kraft sein, wenn es aus deiner Mitte kommt. Es wird zur Last, wenn du dich dabei selbst verlierst.

Manchmal ist der mutigste Schritt nicht, noch mehr auszuhalten. Manchmal ist es der Moment, in dem du ehrlich zugibst: „Ich kann diese Rolle so nicht mehr weitertragen.“

Denk mal drüber nach: Welche Maske hat dir früher geholfen, durchzukommen? Und wo ist es heute Zeit, wieder mehr von dir selbst zu zeigen?

Bis bald,
deine Kerstin

P.S.: 

Vielleicht musst du gar nicht stärker werden. Vielleicht darfst du zum ersten Mal wirklich sehen, wie viel du schon viel zu lange getragen hast.

Ruhe im sonnendurchfluteten Kreuzgang, Raum für dich mit Kerstin Ackermann
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